Anomalien der weißen Substanz beim Tourette-Syndrom
finden sich auch außerhalb der motorischen Schaltkreise
Department of Psychiatry and Psychotherapy,
RWTH Aachen University, 52074 Aachen, Germany; Institute
of Neuroscience and Medicine - 4, Forschungszentrum Juelich
GmbH, 52425 Juelich, Germany
Neuroimage. 2010 Feb
Beim Tourette-Syndrom (TS) handelt es sich
um eine chronische neurologische Erkrankung, die durch multiple
motorische und vokale Tics charakterisiert wird. Häufig
werden die Tics von Komorbiditäten wie Zwangserkrankungen
(OCD), ADHD oder Depressionen begleitet.
Die Forschung hat sich bislang hauptsächlich
auf den cortico-striato-thalamo-Regelkreis konzentriert,
doch zeigen klinische Studien und neuere bildgebende Untersuchungen
(Neuroimaging) eine veränderte Konnektivität im
sogenannten Ruhenetzwerk des Gehirns im Falle von Tourette
Syndrom. Dies deutet darauf hin, dass sich bei Tourette
Syndrom-Patienten auch Anomalien außerhalb der motorischen
Regelkreise finden.
Die Autoren führten diffusionsgewichtete
Kernspintomographien bei 1.5 T bei 19 erwachsenen Patienten
durch, die den DSM-IV-TR-Kriterien eines Tourette Syndrom
entsprachen, sowie bei gesunden Kontrollen. Diffusion-Tensor-Bildgebung
(DTI) bei den adulten Tourette Syndrom-Patienten zeigten
eine verminderte fraktionelle Anisotropie (FA) und eine
Zunahme der radialen Diffusivität im corticospinalen
Trakt. Es finden sich weitverbreitete Veränderungen
(reduzierte FA und vermehrte radiale Diffusivität)
im vorderen und hinteren Bereich der inneren Kapsel. Außerdem
bestätigen diese Ergebnisse frühere Befunde einer
veränderten Konnektivität zwischen den Hemisphären,
wie sich an einer verminderten FA im Corpus callosum zeigt.
Die Ergebnisse zeigen zudem, dass das Tourette
Syndrom nicht allein auf die motorischen Regelkreise beschränkt
ist sondern auch Assoziationsfasern wie innere fronto-occipitale
Fascikel, der Fasciculus longitudinalis superior und der
Fasciculus uncinatus betroffen sind. Da Tics das Kennzeichen
des Tourette Syndroms sind, passt die Beteiligung des corticospinalen
Trakts gut zu den klinischen Symptomen. Cortikale Regionen
sowie limbische Strukturen sind an der Modulation von Tics
beteiligt.
Die Befunde von Veränderungen im Bereich
der Assoziationsfasern und dem Corpus callosum stellen eine
mögliche Ursache für eine eingeschrängte
interhemisphäre und transhemisphäre Interaktion
dar. Die Veränderungen in der radialen Diffusivität
deuten auf ein Defizit in der Myelinierung als einem pathophysiologischen
Faktor beim Tourette Syndrom hin.