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Ticstörungen / Tourette Syndrom

Historie
Die Krankheit war bereits im Jahr 1825 bekannt
und wurde von Itard, einem französischen Arzt und Pädagogen
(1774-1838), erstmals in der medizinischen Literatur erwähnt.
Itard beschrieb das auffällige Verhalten der Marquise de Dampierre,
die im Alter von sieben Jahren merkwürdige Bewegungen, eigenartige
Lautäußerungen sowie obszöne Äußerungen
zeigte.
60 Jahre später veröffentlichte der Neurologe,
Georges Gilles De La Tourette eine Studie,
in der die Erkrankung der Marquise de Dampierre und acht weitere
Fälle beschrieben werden.
Die Originalstudie erschien in französischer Sprache unter
dem Titel:
Étude sur une affection nerveuse
caracterisée par l'incoordination
motrice accompagnée d'écholalie et de coprolalie
de la Neurologie, paris 9, 1885, 19-42 et 158-200
Dr. Tourette bezeichnete das Nervenleiden, welches
durch motorische Inkoordination in Begleitung von Echolalie und
Koprolalie gekennzeichnet ist, als die „Maledie des Tics“.
Durch diesen außergewöhnlichen Menschen
und Neurologen wurde das nach ihm benannte Gilles De La Tourette
Syndrom auf der ganzen Welt bekannt.
Hermann Krämer, Jahrgang 1956, lebt seit dem 12.
Lebensjahr mit dem Tourette-Syndrom, hat sich intensiv mit dem Leben von
Gilles de la Tourette beschäftigt und die Biografie in mühevoller
Arbeit aus den unterschiedlichsten Quellen zusammengetragen. Herzlichen
Dank an Hermann Krämer für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung!
Die Biografie steht Ihnen als Download zur Verfügung.
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Prävalenz
Eine Erkrankung gilt in der EU als selten, wenn nicht
mehr als fünf von 10.000 Menschen in der EU von ihr betroffen sind.
Das Tourette Syndrom zählt heute nicht mehr zu den seltenen Erkrankungen.
Epidemiologische Untersuchungen schätzen
die Häufigkeit von Tics, insbesondere im Kindesalter, höher ein
als bisher angenommen. Die bisher angenommen Betroffenenzahlen für
das Tourette Syndrom (40 - 80 Tausend in Dtld.) wurden korrigiert.
Ausgehend von 82 Mio. Einwohnern in Deutschland ergeben sich folgende geschätzte
Zahlen:
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Tourette Syndrom
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DGN
Leitlinien 2008
Prävalenz: zwischen 35-72 / 10.000 Einwohner
0,35% - 0,72 % der Gesamtbevölkerung
287.000 – 574.000 Betroffene
DGN
Leitlinien 2005
Prävalenz: zwischen 26-150 / 10.000 Einwohner
0,26% - 1,5 % der Gesamtbevölkerung
213.200 – 1.230.000 Betroffene
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Alle Ticformen
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DGN
Leitlinien 2005
Prävalenz: 660 / 10.000 Einwohner
6,6% der Gesamtbevölkerung
5.412.000 Betroffene |
Nach Schätzungen treten bei etwa 10-15 % aller
Grundschüler zu irgendeinem Zeitpunkt Tics auf (Robertson 2008 a).
Die bisher weltweit durchgeführten Studien
ergaben unterschiedliche Prävalenzraten, die vermutlich in erster
Linie auf methodische Unterschiede zurückzuführen sind. Die
Definition des Tourette Syndroms wurde in den vergangenen Jahren weltweit
mehrfach überarbeitet und verändert.
Die ICD-10 ist ein internationales Klassifikationssystem
der Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen. Das DSM-IV ist
ein nationales Klassifikationssystem der Vereinigten Staaten von Amerika
und beinhaltet speziellere und genauere diagnostische Kriterien. Der DSM-IV
berücksichtigt im Gegensatz zur ICD-10 geschlechtsspezifische Unterschiede.
Das alles macht es für die Forschung sehr interessant, jedoch für
die Untersuchungen der Prävalenzen und Diagnostik sehr schwierig.
Da die Ursachen für Tics bisher noch unklar sind,
ist davon auszugehen, dass es auch in Zukunft mit zunehmenden wissenschaftlichen
Erkenntnissen weitere Änderungen der Definitionen geben wird.
Eine Erkrankung ist dann als selten einzustufen, wenn
es in Deutschland nicht mehr als ca. 40.000 Menschen gibt, die betroffen
sind.
Definition und Klassifikation
Was sind Ticstörungen?
Das überwiegende Symptom sind Tics. Tics sind unwillkürliche,
meist rasch ablaufende Mimiken, Gesten oder Bewegungen wie z. B. Augenblinzeln,
Grimassieren, Rotieren um die eigene Achse, Räuspern, Hüpfen,
ungewolltes Aussprechen von Wörtern und Lauten. Die Tics setzen plötzlich
ein und dienen keinem erkennbaren Zweck. Die Ursache für Tics sind
vermutlich Stoffwechselstörungen im Gehirn.
Vorübergehende Ticstörung
F95.0 ICD 10
Die Tics sind häufig Blinzeln, Grimmassieren, Kopfschütteln und
halten weniger als ein Jahr an.
Chronische Ticstörung F95.1
ICD 10
Motorische oder vokale Tics treten nicht zugleich, sondern einzeln, meistens
jedoch multipel, auf und dauern länger als ein Jahr an. Die chronische
vokale Ticstörung tritt sehr selten auf, Die chronische motorische
Ticstörung unterscheidet sich vom Tourette Syndrom nach derzeitiger
Definition lediglich durch das Fehlen vokaler Tics. Im Vergleich zum Tourette
Syndrom treten einfache motorische Tics häufig auf, komplexe Tics
und autoaggressive Handlungen selten.
Gilles de la Tourette Syndrom (GTS) F95.2 ICD 10
Das Tourette-Syndrom ist gekennzeichnet durch eine Vielzahl
von motorischen, vokalen und sensitiven Tics. Es müssen gegenwärtig
oder in der Vergangenheit multiple motorische Tics und mindestens ein vokaler
Tic vogekommen sein, die aber nicht zwingend gleichzeitig auftreten müssen.
Die Erkrankung beginnt meist im Kindes- oder Jugendalter,
jedoch vor dem 18. Lebensjahr.
Die Tics treten mehrmals täglich und länger
als ein Jahr auf.
Betroffene sind nicht mehr als drei aufeinanderfolgende Monate ticfrei.
Einige Betroffene können ihre Tics zeitweise unterdrücken, in
Folge kommt es jedoch zu heftigen "Ticentladungen". Tics
sind veränderlich, das heisst, manche verschwinden im Laufe der Zeit,
neue Tics entstehen.
Sonstige Ticstörungen F95.8 ICD
10
Ticstörung, nicht näher bezeichnet
F95.9 ICD 10
Symptome
Medizinisch wird unterschieden zwischen einfachen
und komplexen Tics.
Einfache Tics sind schnell, einschießend und erfüllen
keinen Zweck. Komplexe Tics sind langsamer und scheinbar zweckgerichtet.
Zu den sensitiven Tics gehören z. Bsp. eine hohe Geräuschempfindlichkeit
oder auch eine sehr empfindliche Haut.
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Motorische Tics |
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Vocale Tics |
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Einfache motorische Tics |
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Einfache vokale Tics |
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Augenblinzeln |
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Husten |
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Augenbewegungen |
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Schnüffeln |
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Nasenbewegungen |
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Räuspern |
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Mundbewegungen |
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Grunzen |
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Gesichtsgrimassen |
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Pfeifen |
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Kopfschleudern |
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Tierlaute |
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Schulterziehen |
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Vogellaute |
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Armbewegungen |
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Handbewegungen |
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Abdominale
Zuckungen |
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Beinbewegungen |
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Fuß - oder Zehenbewegungen |
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Komplexe motorische Tics |
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Komplexe vokale Tics |
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Gesten oder Bewegungen der Augen |
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Silben |
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Gesten / Bewegungen mit dem Kopf |
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Wörter |
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Gesten mit Arm oder Hand |
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Koprolalie |
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Mundbewegungen |
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Echolalie |
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Gesten mit der Schulter |
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Palilalie |
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Beugen oder sich winden |
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Blockierungen |
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Rotieren um die eigene Achse |
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Atypische Sprachwendungen |
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Selbstverletzendes Verhalten |
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Enthemmte Sprache |
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Kopropraxie |
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Echopraxie |
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Kopropraxie beinhaltet das Zeigen unwillkürlicher,
obszöner Gesten.
Echolalie bezeichnet das
ein- oder mehrmalige zwanghafte Nachsprechen von Wörtern oder
Sätzen.
Unter Echopraxie wird das
Imitieren bzw. Nachahmen von Tics bezeichnet. Dieses Phänomen
tritt manchmal auf, wenn Betroffene mit anderen Personen zusammen
treffen.
Palilalie ist das häufige
Wiederholen von selbstgesprochenen Worten.
Koprolalie ist das ungewollte
Aussprechen aggressiver oder obszöner Worte. Obwohl nur ca. 15-20
Prozent der Betroffenen darunter leiden, wird das Tourette-Syndrom häufig
nur mit der Koprolalie in Verbindung gebracht.
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Sekundäre Tics
Sehr selten treten Tics als sekundäre Erkrankung
auf. In Betracht kommen medikamentös induzierte, postenzephalitische
oder posttraumatische Tics. Gelegentlich finden sich Tics auch nach
Kohlenmonoxydvergiftungen, Tumoren oder bei der Neuroakanthozytose.
Wichtig ist, an die Möglichkeit medikamentös induzierter
Tics zu denken. Insbesondere bei Kindern kann die antiepileptische
Therapie mit Paroxetin, Lamotrigin (Sotero de Menezes et al. 2000)
oder Carbamazepin (Robertson et al. 1993) zum Auftreten von Tics
führen.
Als Hinweis auf eine entzündliche Genese lassen
sich sehr selten antineuronale Antikörper (nach Streptokokken-Infektion),
insbesondere Serumantikörper gegen Basalganglien (ABGA) nachweisen
(Edwards et al. 2004). Die pathogenetische Bedeutung der Antikörper
ist aber noch nicht ausreichend geklärt, so dass zumindest
bei Kindern von einer routinemäßigen serologischen Untersuchung
von Tic-Patienten oder gar einer antimikrobiellen Therapie abgeraten
wird. Inwieweit die genannten Antikörper bei Erwachsenen von
Bedeutung sind, ist gegenwärtig ebenfalls unklar.

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Diagnostik von Ticstörungen
Die Diagnose wird klinisch gestellt. Der Beginn liegt meist
zwischem dem 6.- und 8. Lebensjahr. Häufig beginnt das Tourette-Syndrom
mit motorischen Tics im Gesicht. Im weiteren Verlauf treten die
Tics auch am Kopf, an den Schultern, am Rumpf oder an den Extremitäten
auf. Vokale Tics treten oftmals erst 2-3 Jahre später auf.
Ein obligates Diagnosekriterium sind spontane Fluktationen der Tics,
nicht jedoch eine besondere Schwere oder das Vorliegen der Koprolalie.
Häufig wird das Tourette-Syndrom von Komorbiditäten
begleitet: ADHS, Zwangsstörung, Depression, Angsstörung
und autoaggressive Handlungen.
Notwendige Untersuchungen
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Neurologischer Status |
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Beschreibung von Art, Häufigkeit,
Intensität und Verteilung der unwillkürlichen Bewegungen
(aktuell und anamnestisch) sowie funktioneller Zusammenhänge
(z. B. Stress) |
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Detaillierte Anamnese, insbesondere bzgl.
Medikamenten, Infektionen |
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Orientierende Abklärung assoziierter
Störungen (ADHS, Zwangssymptome) |
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Basislabor mit Blutbild, Entzündungsparametern,
Kreatinkinase |
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Kraniale Computer- oder MR-Tomographie
(falls differenzialdiagnostische Zweifel bestehen) |
Anmerkung des IVTS:
Einige der nachfolgend aufgezählten Untersuchungen
(z.B. Lumbalpunktion) werden in manchen Kliniken noch routinemäßig,
also nicht nur im Einzelfall, zur Diagnostik eingesetzt.
Wir empfehlen Ihnen für die Diagnosestellung den Besuch
der Tourette Sprechstunde in Hannover.
Tourette-Spezialambulanz Hannover
Medizinische Hochschule Hannover
Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie
PD Dr. Kirsten Müller-Vahl
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover
Telefon: 0511 - 5323167
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Im Einzelfall erforderlich
(vorrangig wegen der Differenzialdiagnose)
Ausschluss anderer Bewegungsstörungen
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Vorübergehende Ticstörung
- motorische und/oder vokale Tics (Dauer 4 Wochen bis 1 Jahr
(F 95.0 ICD) |
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Chron. Ticstörung - gekennzeichnet
durch motorische oder vokale Tics
(F 95.1 ICD) |
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Chorea Huntington, Schlaganfall, Chorea
Sydenham, Multiple Skerose, Substanzwirkung (z.B. Neuroleptica) |
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Dystone Bewegungen - langsame Drehbewegungen,
längere muskuläre Anspannung |
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Myoklonien - kurze, unkoordinierte Zuckungen
einzelner Muskeln |
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Hemiballistische Bewegungen - periodische,
grobe, ausholende Bewegungen der Gliedmaßen |
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Spasmen - stereotyp, langsamer, länger anhaltend |
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Synkinesien - unwillkürliche Bewegungen,
die willkürliche begleiten |

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Krankheitsverlauf
| Für therapeutische Entscheidungen
ist die Unterscheidung transienter (verschwinden innerhalb
eines Jahres vollständig) von chronischen Tic-Erkrankungen
von Bedeutung. Die überwiegende Mehrzahl kindlicher
Tics ist transient (zeitlich
begrenzt) und bedarf keiner medikamentösen Therapie.
Das Wiederauftreten im Erwachsenenalter ist aber möglich.
Patienten mit einem Tourette-Syndrom weisen in der Regel bereits
in der Kindheit Tics auf. In der Pubertät verstärken
sich die Tics oft, können aber zwischen dem 16.-26. Lebensjahr
wieder nachlassen, besonders bei leicht Betroffenen. In Einzelfällen
wurde auch schon von einer vollständigen Rückbildung
der Symptome berichtet. |
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Atiologie und Pathogenese
Die Ätiologie beschäftigt
sich mit der Ursache von Erkrankungen und ihren auslösenden
Faktoren (in der Abgrenzung zur Pathogenese).
In der medizinischen Diagnostik wird umgangssprachlich auch die
Ursache einer Krankheit selbst als Ätiologie bezeichnet.
Die Pathogenese beschreibt
die Entstehung einer physischen oder psychischen Erkrankung oder
den Verlauf eines krankhaften Prozesses bis zu einer Erkrankung.
In den meisten Fällen bleibt die Ätiologie
des Tourette Syndroms unklar (primäre, idiopathische Tics).
Pathophysiologisch wird eine Störung
im Bereich kortiko-striato-thalamo-kortikaler
Regelkreise angenommen. Ein EEG-Bereitschaftspotenzial vor einfachen
Tics kann im Gegensatz zu Willkürbewegungen fehlen. SPECT-Untersuchungen
konnten Veränderungen insbesondere im frontalen Kortex, in
den Basalganglien und im limbischen System nachweisen. Derzeit ist
unklar, ob beim Tourette Syndrom primär von einer Basalganglienerkrankung
oder von einer Störung im frontalen Kortex auszugehen ist (Bohlhalter
et. al. 2006)
Pathologisch wird eine Beteiligung des dopaminergen
Systems angenommen. Darüberhinaus konnten bei Tourette-Patienten
Veränderungen im serotionergen System nachgewisen werden (Müller-Vahl
et.at. 2005) Dopamin-Transporter-Bindung in Kaudatum und Putamen
hin. Studien mit transkranieller Magnetstimulation deuten auf eine
erhöhte Exzitabilität des gesamten motorischen Regelkreises
und eine gestörte sensomotorische Integration hin. (Berardelli
et al. 2003, Ziemann et al. 1997, Moll et al. 2001).
Familien- und Zwillingsstudien lassen auf eine
polygenetische Vererbung mit unvollständiger und variabler
Penetranz schließen. Verschiedene beschriebene Genveränderungen
konnten bisher nicht bestätigt werden. Für die Krankheitsmanifestation
sind vermutlich auch nichtgenetische Faktoren relevant.

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Theapie
Eine Heilung ist nicht möglich. Nach heutigem
Kenntnisstand können alle verfügbaren Therapien weder
die Ursache noch die Prognose der Tic-Störung positiv beeinflussen.
Außer Haloperidol sind alle derteit eingesetzte Medikamente
nicht für diese Indikation zugelassen und werden Off-label
verordnet.
Neuroleptika / Dopaminantagonisten
Dopaminantagonisten wirken hemmend auf das Dopaminssystem,
sie unterscheiden sich aber teils erheblich in ihrer Wirkung auf
die verschiedenen Dopaminrezeptoren im Gehirn. Diese Medikamente
wirken bei Betroffenen sehr verschieden, sowohl in ihrer positiven
Effekte als auch in den Nebenwirkungen.
Klassische Neuroleptika:
Haldol®, Orap®, Tiapridex®, Dogmatil®
-Sulpirid
Atypische Neuroleptika:
Risperdal®, Zyprexa®, Seroquel®, Zeldox®,
Abilify®, Solian®
Andrenoagonisten
Andrenoagonisten beeinflussen nicht das dopaminerge,
sondern das adrenerge System des Gehirns. Diese Substanzen haben
vermutlich eine positive Wirkung auf Tics, die jedoch deutlich schwächer
als Dopaminblocker ist.
Catapresan® (Clonidin), Estulic® (Guanfacin)
Weitere Medikamente und experimentelle
Therapien
Augrund der häufigen unbefriedigenden Ergebnisse
der genannten Medikamente werden gegenwärtig weitere Substanzen
erforscht.
GABAerge Substanzen
Botulinumtoxin
Opiatantagonisten
Nikotin
Cannabis sativa
Antibiotika und Immuntherapie
Neurochirurgie
Bitte lesen Sie für nähere Informationen
die Behandlungsempfehlungen
von PD Dr. med. Kirsten R. Müller-Vahl / Tourette Sprechstunde
der Medizinischen Hochschule Hannover. Wir bedanken uns herzlich
für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung!
Nach dem Heilmittelwerbegesetz dürfen fachliche Angaben zu
rezeptpflichtigen Produkten oder zu deren Anwendung vom Arzneimittelhersteller nur Angehörigen
medizinischer
Fachkreise zugänglich gemacht werden.
Nichtmedikamentöse Therapien
Nichtmedikamentöse Behandlungen spielen derzeit
eine untergeordnete Rolle in der Therapie von Tics. Die tiefenpsychologisch-orientierte
Psychotherapie ebenso wie die Psychoanalyse müssen als ungeeignet
in der Therapie von Tics eingestuft werden, da die Ursache von Tics
organisch und nicht psychogen ist.
Habit Reversal Training
Gewohnheits-Umkehr-Training – eine verhaltenstherapeutische
Technik, bei der die Patienten versuchen, statt des Tics
eine andere Bewegung zu vollführen bzw. Tics umzuleiten –
ob das Habit Reversal Training effektiv in der Behandlung von Tics
ist, muß mit Hilfe weiterer Studien überprüft werden.
Ernährung
Bisher liegen keine Studien vor, die hierzu eine
Antwort geben. Allerdings berichten einige Betroffene von einer
Linderung bei Verzicht auf Kaffee, Cola, aber auch Fleisch.
Literatur/Links:
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