Interessenverband Tic & Tourette
InteressenVerband Tic & Tourette Syndrom e.V.
 
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Was sind Ticstörungen?

Vermutlich ist Ihnen, liebe Leser, auf der Straße, im Supermarkt oder im Fernsehen schon einmal ein Mensch aufgefallen, der plötzlich Grimassen schnitt, vielleicht die Zunge heraus streckte oder mit den Armen wild um sich schlug, ohne dass Sie sich dieses Verhalten erklären konnten. Ebenso schnell, wie diese Bewegungen ausgeführt wurden, waren sie auch wieder vorbei, um Minuten später wieder auszubrechen.

Vielleicht haben Sie einen Familienangehörigen, der in der Öffentlichkeit (in der Schule oder im Job) völlig normal auftritt, zu Hause aber ohne Grund z. B. den Kopf heftig hin und her schüttelt, den Mund aufreißt, ständig mit den Füßen aufstampft. Betroffen können auch Menschen sein, die z. B. nur durch häufiges Räuspern und Augenblinzeln auffallen, wofür jedoch keine Ursache festgestellt werden konnte.

Sicherlich kennen Sie den Begriff „Marotte“. Viele Menschen eignen sich im Laufe ihres Lebens unterschiedliche Marotten an. Marotten sind Angewohnheiten, wie z. B. Nesteln am Pullover oder Fingernägelkauen. Marotten, umgangssprachlich auch Spleens genannt, lassen sich mit genügend Willensstärke abgewöhnen..

In der Umgangssprache wird das Wort Marotte oft auch im Zusammenhang mit dem Wort „Tic“ oder „Tick“ verwendet, da sich Tics und Marotten optisch ähneln können. Der Begriff „Tic“ ist jedoch medizinisch genau definiert. Die beschriebenen Bewegungen, bzw. Geräusche sind Tics und treten im Rahmen einer neurologischen Störung auf. Es handelt sich dabei nicht um Angewohnheiten oder Eigenarten, da sich Tics im medizinischen Sinne nicht abstellen oder abgewöhnen lassen.

Viele Betroffene haben jedoch die Fähigkeit, ihre Tics eine gewisse Zeit zu unterdrücken, für Minuten oder sogar für mehrere Stunden. Meistens entladen sich die aufgestauten Tics zu Hause im sicheren Umfeld um so heftiger, vergleichbar mit dem Überkochen von Milch.

Kennen Sie solch ein Bild?
Nie mehr allein mit Tics
Tim, abseits von seinen Mitschülern, hat so genannte Tics. Mit ca. 5 Jahren begann Tim trotz ganz normaler Entwicklung plötzlich ohne Grund mit den Augen zu blinzeln und mit den Schultern zu zucken. Heute zieht er Grimassen, reißt seinen Mund weit auf und verdreht die Augen.
Erst mit 10 Jahren wurde bei Tim nach einer langen Arzt-Odyssee eine chronische Ticstörung diagnostiziert. Tim und seine Eltern hatten bis zu diesem Zeitpunkt keine Möglichkeit, anderen Menschen das merkwürdige Verhalten zu erklären.
Sie wussten nur eines immer sicher, Tim kann mit diesen Bewegungen nicht aufhören, egal wie oft sie es gemeinsam versuchten. Die Mitschüler lachten den Jungen oft aus oder äfften seine Bewegungen nach. Obwohl Tims Klassenkameraden inzwischen informiert sind, so gibt es in seiner Schule noch viele andere Kinder, die nichts mit Tim zu tun haben wollen.
Wir möchten Ihnen nun eine Erklärung in allgemeinverständlicher Form für Tics bzw. den verschiedenen Ticstörungen in die Hand geben.

Auf folgende Ticstörungen werden wir dabei näher eingehen:

    Vorübergehende Ticstörungen (transiente Ticstörung)
    Chronische motorische Ticstörung
    Chronische vokale Ticstörung
    Gilles de la Tourette Syndrom

Was sind Tics?

Charakteristisch für alle Ticstörungen sind so genannte Tics. Als Tics bezeichnet man unwillkürliche, plötzlich einsetzende und wiederholt auftretende Zuckungen oder Lautäußerungen, die von den Patienten als unvermeidbar empfunden werden, jedoch zeitweise unterdrückt werden können.

Die motorischen als auch vokalen Tics können einfach oder komplex auftreten. Einfache motorische Tics fallen durch schnelle Zuckungen auf. Komplexe Tics sind in ihrem Ablauf umfangreicher, langsamer und können beabsichtigt wirken.

Ein häufig auftretender einfacher motorischer Tic ist beispielsweise das Augenzwinkern. Während einfache motorische Tics nur eine Muskelgruppe betreffen, werden bei komplexen motorischen Tics mehrere Muskelgruppen einbezogen (z. B.: in die Knie gehen oder sich um sich selbst drehen).

Einfache vokale Tics sind z. B. Räuspern oder Hüsteln. Zu den komplexen vokalen Tics zählen u. a. Schreien und Summen. Vocale Tics können in ihrer Lautstärke sehr unterschiedlich auftreten.

Den Tics geht oft ein Vorgefühl voraus. So beschreiben vor allem erwachsene Betroffene eine Art innere Anspannung, innere Unruhe oder Kribbeln vor dem Tic. Betroffene Kinder nehmen einfache Tics aufgrund der noch in der Entwicklung befindlichen eigenen Körperwahrnehmung selbst oft nicht wahr.

Ticstörungen sind bei den betroffenen Menschen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Das heißt, die Tics sind hinsichtlich ihrer Häufigkeit, Intensität und Lokalisation sehr verschieden. Besonders beim Tourette-Syndrom gibt es wohl keine zwei Menschen, die identische Tics haben.

Häufig kommt es vor, dass Tics plötzlich verschwinden und spontan neue bzw. andere Tics einsetzen. Manche Betroffene können auch für einen längeren Zeitraum frei von Tics sein. Oft denken Außenstehende, aber auch Angehörige, dann erleichtert an eine spontane/natürliche Heilung.

Bis heute ist noch nicht geklärt, warum Ticstörungen derartigen Schwankungen unterliegen.

Viele Betroffene können ihre Tics für Minuten oder Stunden unterdrücken bzw. in normal erscheinende Bewegungsabläufe integrieren. Diese Fähigkeit ist ein Grund, warum die Diagnostik oftmals schwierig und langwierig ist, weil gerade im Kontakt mit dem Arzt keine Tics sichtbar sind.

Tics können „ansteckend“ sein. Einige Betroffene übernehmen beim Zusammensein mit anderen Betroffenen schnell deren Tics. In der Regel hält diese Tic-Übernahme nur wenige Stunden oder Tage an.

Ticstörungen beginnen häufig im Vorschulalter und können sich zwischen dem 10. Lebensjahr und der Pubertät verstärken. Im Vorschulalter sind ca. 20% aller Kinder - meist vorübergehend - betroffen.

Bei den meisten Betroffenen vermindern sich die Tics nach der Pubertät oder verschwinden ganz, können jedoch im Erwachsenenalter erneut auftreten. Nur in seltenen Fällen entwickeln Betroffene Tics erstmals im Erwachsenenalter.

Emotionale Belastungen wie Stress oder heftige emotionale Erregungen wie z. B. Freude, Angst oder Ärger können die Symptomatik verstärken.

Tics treten oft vermindert auf, wenn sich der Betroffene einer Aktivität widmet, die seine ganze Konzentration erfordert.

Menschen mit Ticstörungen sind meistens ebenso intelligent und leistungsfähig wie gesunde Menschen, in manchen Dingen sind sie ihnen sogar überlegen. Sie besitzen häufig eine sehr gute Reaktionsfähigkeit, ein rasches Auffassungsvermögen und sie sind verbal sehr schlagfertig.

Oft haben Betroffene ein sehr gutes mathematisches Verständnis, ein ausgeprägtes Langzeitgedächtnis, ein gutes Erinnerungsvermögen für Personen und Zahlen und sind häufig sehr kreativ.

Warum entstehen Tics?

Die Ursache (Ätiologie) für Tics ist noch nicht geklärt. Die heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse lassen eine Stoffwechselstörung im Gehirn vermuten.

Es werden jedoch auch weitere Hypothesen (Beteiligung des frontalen Kortex, des limbischen Systems, bzw. Streptokokkeninfektionen) diskutiert, auf die wir hier nicht näher eingehen werden. Sicher ist jedoch, dass es sich bei Ticstörungen um eine neurologisch-psychiatrische Erkrankung handelt.

Die Auffassung, dass es sich dabei um eine psychische Erkrankung handeln würde, wurde erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgrund der Wirksamkeit neuroleptischer Therapien widerlegt und durch die Erkenntnis ersetzt, dass es sich bei dem Tourette-Syndrom um eine organische Erkrankung des zentralen Nervensystems handelt

Ticstörungen können auch ein Symptom für andere Erkrankungen sein. Daher muss diagnostisch abgeklärt werden, ob andere Erkrankungen (Epilepsie, Meningitis) oder andere psychische Beschwerden, bzw. Verhaltensauffälligkeiten vorliegen. Der entsprechende Facharzt ist ein Kinder- und Jugendpsychiater, Psychiater oder Neurologe.

Übersicht möglicher Tics

  Motorische Tics   Vocale Tics
  Einfache motorische Tics   Einfache vokale Tics
>>>> Augenblinzeln >>>> Husten
>>>> Augenbewegungen >>>> Schnüffeln
>>>> Nasenbewegungen >>>> Räuspern
>>>> Mundbewegungen >>>> Grunzen
>>>> Gesichtsgrimassen >>>> Pfeifen
>>>> Kopfschleudern >>>> Tierlaute
>>>> Schulterziehen >>>> Vogellaute
>>>> Armbewegungen    
>>>> Handbewegungen    
>>>> Abdominale Zuckungen    
>>>> Beinbewegungen    
>>>> Fuß-oder Zehenbewegungen    
       
  Komplexe motorische Tics   Komplexe vokale Tics
>>>> Gesten oder Bewegungen der Augen >>>> Silben
>>>> Gesten/ Bewegungen mit dem Kopf >>>> Wörter
>>>> Gesten mit Arm oder Hand >>>> Koprolalie
>>>> Mundbewegungen >>>> Echolalie
>>>> Gesten mit der Schulter >>>> Palilalie
>>>> Beugen oder sich winden >>>> Blockierungen
>>>> Rotieren um die eigene Achse >>>> Atypische Sprachwendungen
>>>> Kopropraxie >>>> Enthemmte Sprache
>>>> Selbstverletzendes Verhalten    
>>>> Echopraxie    
       
Medizinisch wird in verschiedene Formen der Ticstörungen unterschieden.

Vorübergehende Ticstörungen kommen im Kindes- und Jugendalter sehr häufig vor.

Es treten entweder motorische oder vokale Tics auf. Am häufigsten treten Gesichtstics (Augenzwinkern, Grimassieren) auf. Es können jedoch auch andere Körperteile betroffen sein.

Besteht die Symptomatik länger als ein Jahr, handelt es sich um eine chronische Ticstörung.
Es treten entweder motorische oder vokale Tics auf. Die Tics treten nicht gleichzeitig auf, können aber zeitlich aufeinander folgen. Die Intensität schwankt stark.
So wird entweder eine chronische motorische Ticstörung oder eine chronische vokale Ticstörung diagnostiziert.

Das Tourette Syndrom ist eine besondere Form der Ticstörung.
Diese Erkrankung wurde erstmals 1885 von dem französischen Neurologen Gilles de la Tourette beschrieben und später nach ihm benannt. Damals nahm man fälschlicherweise an, dass es sich um eine sehr seltene Erkrankung handelt. Heute weiß man sicher, dass das Tourette-Syndrom eine recht häufige auftretende Krankheit ist. Ca. 0,35% - 0,72 % der Bevölkerung leiden weltweit am Tourette-Syndrom. Jungen sind drei- bis viermal häufiger betroffen als Mädchen.

Die Störung beginnt immer im Kindesalter - vor dem 18. Lebensjahr und manifestiert sich meist im Alter von ca. 6-8 Jahren. Häufig beginnt das Tourette-Syndrom mit motorischen Tics im Gesicht. Im weiteren Verlauf treten die Tics auch am Kopf, an den Schultern, am Rumpf oder an den Extremitäten auf. Das besondere Merkmal des Tourette-Syndroms ist das gleichzeitige Auftreten von motorischen und vokalen Tics, oft mehrmals täglich.

Die Tics schwanken oft in ihrer Häufigkeit und in der Ausprägung. So gibt es Phasen, in denen die Tics mehr oder weniger stark auftreten.

Das Tourette-Syndrom ist bei den Betroffenen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Es gibt Betroffene, die zwar motorische als auch vokale Tics haben, jedoch nicht darunter leiden, weil diese Tics weniger stark ausgeprägt und sozial nicht auffällig sind. Andere Betroffene haben sehr viele oder stark ausgeprägte Tics, die ihre Lebensqualität sehr einschränken können. Die Mehrheit der Betroffenen haben wenige bzw. mittelstark ausgeprägte Tics.

Entgegen der verbreiteten Meinung, alle Tourette-Betroffenen würden Schimpfwörter bzw. vulgäre Ausdrücke aussprechen, haben nur wenige der Betroffenen diese Symptome. Der Fachbegriff für diese sozial auffällige Störung heißt Koprolalie. Diese Form der Symptomatik ist für Betroffene besonders unangenehm. Die Koprolalie lässt sich ebenso wenig steuern wie motorische und sonstige vokale Tics.

Die Ursache des Tourette-Syndroms

Die Ursache (Ätiologie) des Tourette-Syndroms konnte bisher noch nicht eindeutig geklärt werden. Es wird jedoch angenommen, dass die Symptome durch Veränderungen in den Basalganglien verursacht werden. Die Basalganglien befinden sich im Gehirn unterhalb der Großhirnrinde.

Diese Region des Gehirns ist nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen vermutlich für verschiedene Funktionen verantwortlich, z. B. Spontanität, emotionale Erregung, Initiative, Willenskraft, Antrieb, sequentielles Planen, Bewegungssteuerung und Feinmotorik. Grund für diese Annahme liefern unter anderem Erkenntnisse aus der Parkinsonforschung.

Welche Therapien gibt es?

Die medikamentöse Behandlung des Tourette-Syndroms, wie auch der chronischen Ticstörung, ist im Besonderen abhängig vom Leidensdruck der Betroffenen. Leichte Ticstörungen werden in der Regel nicht medikamentös behandelt.

Eingesetzt werden überwiegend Neuroleptika, die bestimmte Rezeptoren im Gehirn blockieren. Da diese Medikamente ursprünglich nicht für dieses Krankheitsbild entwickelt wurden, können sie lediglich die Symptome vermindern. Eine Heilung ist derzeit noch nicht möglich.

Tourette-Syndrom-Patienten reagieren sehr empfindlich auf Neuroleptika. Die Nebenwirkungen der Medikamente (z. B. Müdigkeit und Gewichts-zunahme) können oft stärker beeinträchtigen, als die Tics selbst.

 

Weiterführende Informationen

zur Behandlung, Diagnostik, Historie und vieles mehr

IVTS-Workshops

Unsere jährlichen Workshops für Betroffene und Angehörige mit Tics und dem Tourette Syndrom basieren auf einem systemischen, ressourcen- und lösungsorientierten Ansatz.

Zusammen arbeiten wir ganz bewusst mit Ihren Stärken und richten unsere Aufmerksamkeit auf die Problemlösung. Gemeinsam entdecken, entwickeln und aktivieren wir durch gezielte Workshop-Inhalte die Ressourcen der Teilnehmer.

zu den Angeboten:

Expertenrat

Prof. Dr. med. Helge Topka, Chefarzt der Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie am Klinikum München-Bogenhausen und Dr. Matthias Niebler, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Neumarkt beantworten viele detallierte Fragen zu Tics bzw. dem Tourete Syndrom.

Umgang mit Tics

Hilfreiche Tipps bietet unser „Ratgeber für Eltern“ welcher im Rahmen einer Bachelorarbeit im Studium Soziale Arbeit zum Thema „Elternkompetenz und Resilienzförderung bei Kindern mit Ticstörungen“entstand.
Kernziel des Ratgebers ist die Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung durch sachliche Informationen, verständnisvolles Thematisieren von belastenden Emotionen, Anknüpfung an Hilfsnetzwerke, Vorbereitung auf mögliche Hürden und Vermittlung von Handlungsstrategien sowie die Hinführung zu resilienzfördernder Erziehung.

 

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