Interessenverband Tic & Tourette
InteressenVerband Tic & Tourette Syndrom e.V.
 
Home
Impressum

 

# # #

 

In Gedenken

Tom (Synonym) - er war eine junger Betroffener, der den zusätzlichen Kampf gegen Leukämie verlor!

 

Wir erhielten das Schreiben an Florian David Fitz und nachfolgende Lebensgeschichte von Tom's Freundin mit der Bitte um Veröffentlichung:

Sehr geehrter Herr Fitz,

ich habe lange überlegt ob ich es wirklich wagen soll Ihnen diese Zeile zu schreiben. Und nun habe ich mich dazu durchgerungen, weil es einer der letzten Wünsche eines sehr guten Freundes von mir war.

In seinem Namen möchten ich Ihnen von Herzen danken, dass Sie sich dem Thema „Tourette“ mit ihrem Film „Vincent will Meer“ auseinandergesetzt haben.
Tom litt seit seinem 11. Lebensjahr an dem Tourette-Syndrom. Am Anfang hatte er wohl nur kleine Tics wie leichte Zuckungen im Gesicht. Mit der Zeit kamen Beschimpfungen und Gewaltausbrüche in leichter Form dazu.

 

Lieber "Tom", Ruhe in Frieden!

Seine Eltern haben ihn mit 14 Jahren in ein Heim für schwer Erziehbare einweisen lassen, da sie nicht mehr mit dem Verhalten von ihm klar kamen und haben seither auch jeglichen Kontakt vermieden. Die Betreuer im Heim haben unter Einbeziehung von Ärzten herausgefunden, das er am Tourette-Syndrom litt. Durch ihre Hilfe hat er eine halbwegs normale Kindheit erleben können und hat sogar nach seinem Schulabschluss eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann erfolgreich abgeschlossen.
Er hat dann bis vor knapp 2 Jahren auch in diesem Bereich arbeiten können. Sein Chef wusste von Anfang an von seiner „Krankheit“ und hat ihm auch mal in bremsligen Situationen geholfen. Seine Kollegen allerdings wussten hiervon nichts. Vor 2 Jahren dann hat man bei ihm Leukämie diagnostiziert und die Medikamente die er bzgl. Tourette eingenommen hatte, haben sich nicht mit der Chemotherapie und den jeweiligen Medikamenten vertragen. Also hat er diese abgesetzt und somit wurden die Tics wieder schlimmer. Besonders wenn er in Stresssituationen oder aufgeregt war, kamen diese verbalen Ausdrücke und Beschimpfungen. Er hat sich auch dann wieder selbst geschlagen oder den Kopf gegen die Wand gehauen. Während dieser Zeit kam es zu 2 schwerwiegenden Vorfällen in seiner Firma und daraufhin wurde ihm gekündigt. Er hat somit alles was im Spaß machte (aus seiner Sicht) verloren.

Nun werden Sie sich vielleicht fragen, warum ich Ihnen eigentlich schreibe.
Tom hat am 19.12.10 den Kampf gegen die Leukämie verloren und starb mit nur 34 Jahren in einem Hospiz in Frankfurt. Ich war die Letzte die ihn sprechen konnte. Wir haben uns sehr lange unterhalten und er hat mir von seinen Träumen und Wünschen erzählt. Und nun kommen Sie und die Crew von „Vincent will Meer“ in den Mittelpunkt. Sie haben es mit diesem Film geschafft den Menschen das „Tourette-Syndrom“ näher zu bringen und das sich der ein oder andere mit dieser Krankheit auseinandersetzt. Woher ich das weiß? Ich durfte es selbst mit erleben.
Als Tom entlassen wurde haben alle seine Kollegen erfahren, dass er an Tourette litt und haben ab diesem Zeitpunkt jeglichen Kontakt zu ihm abgebrochen. Viele waren seit Jahren seine besten Freunde! Er fiel in ein so tiefes depressives Loch, denn gerade jetzt hätte er ihre Hilfe und Unterstützung gebraucht. Viele von ihnen wollten sich vor der „Enthüllung“ zwecks seiner Leukämie als evtl. Stammzellenspender typisieren lassen. Als sie von seinem Tourette erfahren haben, ist nicht einer zur Typisierung gekommen.

… und dann kam ihr Film raus!!! Er hat sich diesen mehrmals angeschaut und das erste was er sagte – „der Typ ist ja genauso durchgeknallt wie ich“ und hat laut und herzhaft gelacht. Und glauben Sie mir das hat er seit Monaten nicht gemacht. Er war davon so angetan, wie sich jemand wie Sie sich an ein solch schwieriges Thema sowohl als Autor und auch als Hauptdarsteller dieser Herausforderung stellen wollte. Sie haben diese Rolle so authentisch, mit viel Herz und Aufrichtigkeit gespielt. Seit jeher hat er alles was in der Presse über Sie und diesen Film erschien gesammelt und in mühsamer Kleinstarbeit als eine Art Collage zusammengestellt. Es war sein Wunsch Ihnen und dem gesamten Team von „Vincent will Meer“ seinen aufrichtigen Dank persönlich zu übermitteln. Ich habe nach Veröffentlichung dieses Films viele seiner ehemaligen Freunde und auch seine Eltern dazu bewegen können sich diesen anzusehen. Damit sie vielleicht ein bisschen verstehen können, was Tom aufgrund seiner Touretteerkrankung all die Jahre durchstehen musste. Die verachtende Blicke von den Menschen auf der Straße die ihn anstarrten und sogar beschimpften, als er seine Tics hatte.
Und was soll ich Ihnen sagen – es hat bei Einigen etwas bewirkt. Viele haben sich bei ihm entschuldigt und ihm auch wieder ihre Hilfe angeboten. Sie haben ihn aufgrund Ihres Films wieder an ihrem Leben teilhaben lassen.

Sie haben etwas geschafft, was ich über 5 Jahre leider erfolglos versucht habe. Er hat sich nach diesem Film einem kleinen Kreis von Tourettepatienten angeschlossen und gemerkt dass er nicht alleine ist. Er hat viele neue Freunde dadurch gefunden. Er hat sich selbst so akzeptiert wie er ist und hat offen mit Menschen über seine Krankheit gesprochen. Sogar bei mir hat er sich für sein Verhalten entschuldigt! Wir waren 5 Jahre zusammen und ich wusste von seiner Erkrankung und habe viele auch sehr unangenehme Momente mit ihm erlebt. Im Jahr 2000 hat er dann aus heiterem Himmel die Beziehung beendet. Nie hat er mir den wahren Grund genannt. Er hat sich komplett von heute auf morgen aus meinem Leben verabschiedet. Bis wir uns dann vor knapp 3 Jahren durch Zufall wieder in Berlin getroffen haben. Ab da waren wir wieder die besten Freunde. Allerdings konnte ich ihn nur teils an meinem Leben teilhaben lassen. Ich war in einer neuen Beziehung und für meinen Freund war er einfach nur ein gewalttätiger Mensch. Er kannte ihn nicht und ich hatte ihm erzählt dass er nur aufgrund seines Tourettesyndroms ab und zu gewaltsame Ausbrüche hatte. Aber nie mir gegenüber!!!! Mein Freund wollte sich allerdings überhaupt nicht mit diesem Thema auseinandersetzen. Zum Anderen bin ich seit 3 Jahren stolze Mama einer süßen Tochter. Ich habe meine Tochter 2-mal zu einem Treffen mit Tom mitgenommen, aber auch da hatte er wieder sehr heftige Tics und sie hat große Angst gehabt.
Als ihr Film auf die Leinwand kam und er sich ab da mit sich selbst im Reinen war – hat er mir den wahren Grund der Trennung genannt. Er hatte Angst, dass irgendwann seine Tics so heftig sind das er mir etwas antut.

Für mich waren die letzten 3 Jahre als seine beste Freundin und Vertraute auf der einen Seite sehr schöne – auf der Anderen sehr schmerzlich. Ich musste mit ansehen wie ein gestandener Mann immer mehr in sich einfiel. Trotz seiner Leukämie und seiner Touretterkrankung hat er seinen Lebensmut nicht verloren. Im Gegenteil mit Ihrem Film hat er warum auch immer eine ungeheure Kraft entwickelt dem Ganzen die Stirn zu zeigen. Er hat durch Sie wieder seine Freunde und auch einen Teil seiner Familie in sein Leben gelassen.
Tom hat Sie so sehr bewundert!!!

Er hat mich gebeten, Ihnen diesen Zeilen zu schreiben und Ihnen die Collage zusammen mit einem von ihm geschriebenen Brief zu geben. Beides hat er in den letzten Tagen im Hospiz noch fertig stellen können. Es lag ihm wirklich sehr viel daran.

Nun habe ich 2 Monate mit mir gehadert und habe nun doch den Mut aufgebracht Ihnen zu schreiben. Ob sie diese Zeilen jemals lesen werden, weiß ich nicht. Wenn ja würde ich mich natürlich sehr freuen.
Ich für mich kann damit Tom auf eine Art gehen lassen. Ich musste es ihm bei meinem letzten Besuch versprechen und dieses Versprechen habe ich nun eingelöst. Für Tom!

Ich bedanke mich vielmals für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen auf diesem Wege in allen Lebenslagen alles erdenklich Gute und hoffe weiterhin dass Sie sich wie bisher sehr für das Thema TOURETTE einsetzen.

Hochachtungsvoll grüßt

Tom's Freundin

 

 

 

zurück

 

 



Home
© IVTS 2006 - 2012