Ich heiße David und bin nun fast 18.
Meine Eltern zeigten mir den Artikel in der Apotheken-Umschau
und deshalb wende ich mich an Sie. Tics habe ich seit meinem 10. Lebensjahr.
Damals ging ich noch in die 4. Klasse und die Tics
waren noch nicht so auffällig, so dass ich in der Schule keine
Probleme hatte.
Nach meinem 13. Geburtstag wurden die Tics richtig
schlimm. In der Schule erlebte ich den reinsten Horror, da meine Mitschüler
angenervt waren und begannen, mich nachzuäffen. Die Lehrer wollten
natürlich in Ruhe ihren Stoff durchziehen und konnten es nicht,
da ich entweder dauernd aufstand, auf den Boden stampfte, schrie oder
Grimassen zog.
Meine Eltern kenne ich nur besorgt. Wir sind von
einem Arzt zum nächsten Arzt gerannt. Zum Glück war ihnen
immer klar, dass ich niemanden ärgern wollte, sondern dass irgend
etwas anderes mit mir nicht stimmte. Dennoch dauerte es ein Jahr, bis
wir von einem Arzt die Bestätigung erhielten, dass ich das Tourette
Sysndrom habe. Meine Eltern haben dann wirklich alle Hebel in Bewegung
gesetzt, denn besonders in der Schule ging gar nix mehr. Ich fühlte
mich dort nur noch elend, weil ich gemobbt wurde, für Dinge bestraft
wurde, für ich nichts konnte. Am schlimmsten jedoch war für
mich, dass ich so anders war, wie alle anderen in der Klasse und leider
auch nicht erklären konnte, warum ich diese vielen Tics habe.
Ich wechselte nach der 6. Klasse vom Gymnasium auf
die Regelschule. Gemeinsam mit meinen Eltern haben wir die Lehrer,
Mitschüler und deren Eltern über Tourette informiert und
so war der Start in die neue Klasse doch leichter als gedacht.
In der 8. Klasse begann für mich meine pubertäre
Phase und wie bei allen anderen Jugendlichen auch, kamen neue Probleme
auf mich und meine Eltern zu. Ich fand in der neuen Schule Freunde,
nicht viele, aber dennoch war diese Erfahrung für mich total neu.
Ich begann die Schule zu vernachlässigen und es dauerte nicht
lang, bis auch meine Leistungen schlechter wurden. Die gemeinsame Zeit
mit den neuen Freunden war wir wichtiger, schließlich hatte ich
einiges nachzuholen.
In der 9. Klasse lernte ich Mädels übers
Internet kennen. Das Chatten war für mich echt toll. Ich konnte
mich schon immer gut in andere einfühlen und das kam besonders
bei den Mädels gut an. Die Schule, Hausaufgaben - all das war
so nebensächlich.
In dieser Zeit hatte ich viel Stress mit meinen Eltern.
Ich begann, die Schule zu schwänzen und ging gar nicht mehr zum
Unterricht.
Die Situation zu Hause war sehr angespannt und obwohl
ich wusste, dass meine Eltern nur das Beste wollten, konnten wir uns
kaum noch vernünftig unterhalten. Meine Eltern wollten unbedingt,
dass ich einen Schulabschluß mache. Ich hatte aber nun schon
soviel Unterricht verpasst. Meine Eltern hatten sogar mit der Schule
vereinbart, dass ich im Sommer eine externe Prüfung machen könnte.
Wenn ich diese Prüfungen alle bestehe würde, hätte ich
einen qualifizierten Hauptschulabschluss. Das wäre Stress pur.
Stress bedeutet, unendlich viele Tics haben und davor hatte ich echt
Angst.
Auf der einen Seite wollte ich diesen Abschluss schon,
schon um meine Eltern nicht zu enttäuschen und auch, weil sie
eh schon selbst soviel Kummer mit mir hatten. Auf der anderen Seite
fehltw es mir an Motivation. Ich fragte mich auch, ob ich überhaupt
mal einen gescheiten Job haben würde, so wie normale Menschen.
Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht so belastbar sein würde
wie gesunde in meinem Alter.
Deshalb überlegte, ob ich nicht erst einmal
ein soziales Jahr mache sollte, um meine Grenzen auszutesten. Wenn
es gut laufen würde, könnte ich diesen Schulabschluss danach
immer noch machen. Meine Eltern waren jedoch der Meinung, wenn nicht
jetzt, dann schaffe ich das nie. Sie wollten gerne sehen, dass ich
lerne ohne Ende. Trotzdem konnte ich mich irgendwie nicht aufraffen,
jeden Tag was zu tun. Als die Prüfungstermine immer näher
kamen, kriegte ich dann doch Panik. Außerdem kam entweder mein
Dad oder meine Mum jeden Tag mit der Frage: Hast heute gelernt? Ich
dachte immer: "Die stellen sich das so einfach vor. "
Ich musste schon immer für alles kämpfen
und so begann ich, heimlich zu lernen, vor allem. Nachts, wenn ich
mal wieder nicht schlafen konnte. Ich wollte meinen Eltern beweisen,
dass ich diese Prüfungen schaffen würde.
Mittlerweile habe ich den Schulabschluss in der Tasche.
Ich hätte bessre Ergebnisse haben können, das weiß
ich wohl. Für mich ist es okay. Das soziale Jahr habe ich trotzdem
angefangen und die Arbeit gefällt mir sehr gut. Ich arbeite in
einem Altenheim und die alten Menschen sind sehr dankbar. Ich werde
anerkannt und sie mögen mich, auch mit meinen Tics. Ich werde
nun in diesem Altenheim eine Ausbildung zum Altenpfleger machen.
Zu Hause ist die Atmosphäre jetzt viel entspannter.
Ich habe sogar das Gefühl, dass meine Eltern richtig stolz auf
mich sind.
Ich hab vor allem eines gelernt: Ich habe Tics, dennoch
kann ich es schaffen, Menschen für mich zu gewinnen, die das was
ich leiste, schätzen und ich kann meine Ziele erreichen, wenn
ich wirklich will und an meine Fähigkeiten glaube.
Selbstbewusste Grüße
David