Wie wird ADHS behandelt/therapiert?
Ein ADHS sollte immer „multimodal“
therapiert / behandelt werden. Das oberste Ziel sollte es
sein, dem ADS-ler ein relativ "normales Leben"
mit guten sozialen Kontakten, sowie einer qualifizierten
Ausbildung und damit eine gute Lebensqualität zu ermöglichen.
Da jeder ADHS-ler unter Mehrfachbeeinträchtigungen
leidet, sollte auch die Therapie des jeweiligen ADHS mehrere
Zielsymptome im Auge haben. Unter „multimodal“
versteht man eine Zusammenfassung aller sinnvollen Therapien
und somit Ziele.
Teilschritte auf dem Weg zum obersten
Ziel:
Verbesserung der Aufmerksamkeitsproblematik
Der ADHS-ler muss mühsam lernen, sich
selbst und sein direktes Umfeld zu strukturieren. Je weniger
Ablenkung, je geordneter sein Umfeld, desto höher ist
die Chance, das er seine Aufgabe bis zum Ende verfolgt.
Der ADHS-ler muss lernen, zu erkennen wann er abschweift
und was ihm als Hilfe dienen kann, um sich selbst wieder
zur eigentlichen Aufgabe „umzuleiten“. Das erfordert
viel Selbstdisziplin und Kontrolle (Anfangs meist durch
die Hilfe Außenstehender wie die Eltern/Lehrer ect.)
später dann durch Selbstkontrolle. Im therapeutischen
Sinne wird dies „ADHS-Coaching“ genannt.
Regulierung der Hyperaktivität
Ein ADHS-ler hat enorm viele Energien in
sich schlummern. Es muss ein sinnvoller Weg gefunden werden
diese Energien, diese innere Unruhe in ein sozial verträglichem
Maß abzuleiten.
Mannschaftsspiele
wie Fußball ect. sind dafür meist recht ungeeignet.
Man muss bedenken das einem ADHS-ler die innere Bremse fehlt.
Er stürmt übers Spielfeld, kann durch die Beeinträchtigung
der Wahrnehmung ( Tunnelblick / Hyperfocus ) die Mitspieler
nicht mehr mit einbinden und spielt somit quasi allein gegen
alle. Das ist weder böse gemeint, noch Absicht, sondern
„krankheitsbedingt“. Hinzu kommt das bei Mannschaftsspielen
irrsinnig viele Reize zusammentreffen. Ein ADHS-ler kann
wie oben schon einmal erwähnt, nicht zwischen Wichtig
und Unwichtig filtern. Die Geschwindigkeit, mit der ein
Spiel abläuft, die vielen Mitspieler, dazu die „Gegner“
, das Ziel Punkte/Tore zu machen/schießen, die anfeuernden
Zuschauer am Spielfeldrand, der Schiedsrichter, der Vogel
der auf der Wiese sitzt, das Flugzeug das gerade am Himmel
fliegt und der LKW der nebenan vorbei brummt, das schreiende
kleine Kind, das ein Eis möchte, alles wiegt gleichschwer
und bekommt die gleiche Aufmerksamkeit. Folglich kommt es
im ADHS - Gehirn zur Reizüberflutung,
die letztendlich die Hyperaktivität nur noch mehr anheizt,
bis die Kinder oftmals nicht mehr zu stoppen sind und es
dann auch vermehrt zu Unfallen kommt. Es gibt jedoch auch
Therapeuten die sich dies zu nutze machen um genau diese
Problematik zu trainieren, nämlich die Selbststeuerung.
Hier kommt es dann weder auf den Ausprägungsgrad des
ADHS an. Für die Einen kann diese Therapie erfolgreich
sein für den Anderen ist es die absolute Überforderung.
Wesentlich besser geeignet sind Eins- zu
–Eins Situationen. Energien abbauen durch ruhige konzentrierte
Kampfsportarten z.B. wo es um das
überlegte Einsetzen von Taktik, Strategie und Kraft
geht, aber auch um „kurzfristige“ Schnelligkeit
und Geschicklichkeit. Denn gerade dort liegt oftmals auch
die Stärke eines ADHS-lers. Oder aber das kraftvolle
Bearbeiten von Materialien wie Ton, Holz, ect. Da überaus
viele ADHS-ler sehr kreativ sind, wird auch das viele Kinder
ansprechen.
Verbesserung der Impulskontrollstörung
Ein ADHS-ler neigt dazu, seinen Gefühlen
immer und jederzeit freien Lauf zu lassen. Ist er/sie sauer
bekommen das wirklich alle mit, freut er sich ist er total
überschwänglich und reißt alle rundherum
mit. Ist er/sie traurig, meint man die Welt geht gerade
unter. Bei guter Laune hat er die Gabe alle anzustecken,
bei schlechter Laune aber ebenso, weil jedes Gefühl
ungefiltert ausgelebt wird.
Der multimodale Behandlungsansatz
setzt sich in der Regel durch folgende Einzelpunkte zusammen:
Wie oben schon ersichtlich durch das „ADHS-Coaching“,
oder auch Wahrnehmungstrainig genannt. Hierin sollen möglichst
all die Teilschritte zum obersten Ziel eingebunden werden.
Es geht explizit darum, den Kindern zu einem strukturierten
und organiserten Arbeitsverhalten zu verhelfen (Selbstinstruktionstraining)
und/oder sie dazu zu befähigen, eigenes Problemverhalten
zu erkennen und dem entgegenzuwirken (Selbstmanagement).
Elternaufklärung / Beratung
Die Eltern werden genau über das
Erscheinungsbild dieser Erkrankung aufgeklärt. Sie
müssen sich darüber klar werden (so anstrengend
und „ungezogen“ das Kind auch scheint) das ihr
Kind das nicht aus böser Absicht macht oder weil es
nicht will, sondern weil es nicht anders kann !!!
Die Eltern müssen lernen, wie es dazu
kommt, das ihr Kind so ist, wie es ist und so reagiert,
wie es regiert. Denn nur wer dieses Wissen hat, kann letztendlich
verstehen und dann auch helfen.
Den selben Stellenwert bezüglich
Wichtigkeit nimmt anschließend natürlich die
Beratung ein.
Lehrer- / Erzieheraufklärung und Beratung
Genauso wichtig wie die Elternaufklärung
und Beratung ist natürlich auch die Aufklärung
weiterer sozialer Bezugspersonen. Ein ADHS-Kind wird in
einer Kindergruppe meist auffallen, oft unangenehm, wird
schnell als nicht „tragbar“ eingestuft und im
schlechtesten Fall „ausgemustert“. Sehr schnell
rutschen diese Kinder dann in die sozialen Randgruppen.
Wissen Lehrer und Erzieher jedoch um das
Krankheitsbild und Symptomatik des Kindes, als auch deren
physiologischer Begründung, fällt ein Verstehen
und somit Helfen wesentlich leichter. Auch diese Bezugspersonen
benötigen jedoch oftmals individuelle Beratung zu jedem
spezifischen Kind.
Elterntraining
Da Eltern mit ADHS-Kindern sehr oft in
„hilflose Situationen“ kommen, die im schlechtesten
Fall zu Handgreiflichkeiten führen oder auch im Laufe
der Zeit in eine Art „Interesselosigkeit“ an
ihrem Kind (aus Hilflosigkeit … „es bringt ja
sowieso nichts“), gebührt dem Elterntraining
besondere Beachtung.
Im Elterntraining lernen die Eltern ganz
gezielt mit den Symptomatiken des ADHS-lers umzugehen, sie
lernen Fehler zu erkennen und zu vermeiden und sie lernen
die wichtigsten Eckpfeiler, die nötig sind um ein solches
Kind zu „führen und zu leiten“. Ebenso
erfahren sie, was im Alltag für diese Kinder hilfreich
sein kann und welche „Fehler“ es zu vermeiden
gilt. So gelangen die Eltern selbst aus ihrer Hilflosigkeit
heraus und übernehmen wieder die erzieherische Führung.
Intervention in der Familie einschließlich
Familientherapie
Intervention bezeichnet den Versuch, die
Belange und Probleme der Familie anzusehen und bewusst zu
verändern. Man verändert bewusst eingefahrenen
Handlungsweisen und Reaktionen, um die Problematiken somit
möglichst systematisch zu lösen.
Intervention im Kindergarten / in der
Schule
Siehe oben (Intervention in der Familie)
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Pharmakotherapie ( medikamentöse
Behandlung)
In der medikamentösen Behandlung
sind Stimulanzien auf Grund ihrer Erwiesenen Wirksamkeit
Medikamente der ersten Wahl.
Die Indikation zur Stimulanzien-Medikation
ist bei gesicherter Diagnose nach ICD-10 oder DSM IV-Kriterien
gegeben, wenn:
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die Symptomatik ausgeprägt ist und |
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eine psychoedukative (unter diesem
Begriff versammeln sich alle Maßnahmen, die
zum Ziel haben, Betroffene über ihre spezielle
Problematik (Lebenssituation, Krankheit etc.) fachgerecht
aufzuklären, Alternativen zu entwickeln und ihnen
dabei zu helfen, dieses Wissen erfolgreich anzuwenden)
und psychotherapeutische Hilfe nicht umsetzbar oder
nicht innerhalb der Frist einiger Wochen hilfreich
war. |
Die Behandlung sollte in der Regel mit einem schnell freisetzenden
Stimulans beginnen. Die Dosierung der Stimulanzien ist individuell
zu bestimmen.
Bei Methylphenidat
ist der Wirkungseintritt nach etwa einer halben Stunde,
für die Dauer von etwa vier Stunden, zu erwarten.
Dosierung:
Bei Schulkindern liegt die tägliche
Dosis von Methylphenidat in der Regel zwischen 0,3 bis 1
mg/kg Körpergewicht pro Tag, verteilt auf 1 –
3 Einzeldosen.
Die Tagesdosis der schnell freisetzenden
Aplikationsformen von 60 mg oder die Maximaldosis von 1
mg / kg Körpergewicht pro Tag sollte in der Regel nicht
überschritten werden. Die Obergrenze ist in den Angaben
der BtM-Verschreibungsverordnung der Bundesopiumstelle mit
1 mg/kgKG/Tag und 60mg als Gesamttageshöchstdosis festgelegt,
wissenschaftlichen Untersuchungen entsprechen diese Angaben
nicht.
Fest steht, dass eine höhere Tagesdosis-Therapie das
Risiko erheblicher unerwünschter Wirkungen wesentlich
vergrößert. Allerdings existieren zum Dosiswirkungsproblem
bei Erwachsenen mit ADHS auch andere Befunde.
Die Einstiegstagesdosis liegt im Schulalter
meist bei 5 mg / Tag, die Steigerung bestimmt sich nach
Wirkung bzw. unerwünschter Wirkung. Die Zeitpunkte
der Medikation werden so gewählt, dass das Kind die
kritischen Tagesanforderungen (z. B. Schul- und Hausaufgabenzeit,
auch Berufs- und kritische Freizeitbereiche) bewältigen
kann. Für den Therapieerfolg sind eine ausreichende
Dosierung, verteilt auf zwei bis drei Einzeldosen, und kontinuierliche
Beratung in monatlichen Abständen ausschlaggebend.
Innerhalb der Stimulanzien-Therapie gibt es noch Retardpräparate:
Retardformen beinhalten Methylphenidat,
das in einer ersten Phase rasch und in einer zweiten Phase
verzögert freigesetzt wird, so dass bei einmaliger
morgendlicher Gabe die Wirkung zwischen 8 bis 12 Stunden
andauert.
Die Indikation für die, gegenüber
den schnell freisetzenden Präparaten zur Zeit wesentlich
teurere Retard-Medikation ist gegeben, wenn eine verlässliche
Mehrfach-Gabe dieser Präparate nicht möglich ist
und ein stabiler Tageseffekt auf andere Weise nicht erreicht
werden kann. Bisherige Erfahrungen zeigen, dass gegenüber
schnell freisetzenden Präparaten beim Retardpräparat
Concerta allerdings von einer etwas
höheren Tagesdosis auszugehen ist.
Als Medikament zweiter Wahl kann nach dem
derzeitigen Kenntnisstand Atomoxetin
angesehen werden, bekannt unter dem Namen Straterra.
Atomoxetin ist nach Methylphenidat und Amphetamin die am
besten untersuchte Substanz mit guter Beweislage (klinische
Studien. )Der Stellenwert dieser Substanz muß sich
in der Praxis noch beweisen. Das Nebenwirkungsprofil erscheint
günstig. Man muss allerdings auf die Leberfunktion
achten, da Atomoxetin, welches über die Leber abgebaut
wird, in Einzelfällen Leberenzym- und Bilirubinwerte
reversibel erhöhen kann
Atomoxetin gehört in die Gruppe der Antidepressiva
und unterliegt nicht dem Betäubungsmittelgesetz. In
den USA und England ist es zur Behandlung von ADHS im Kindes-,
Jugend- und Erwachsenenalter zugelassen. In Deutschland
gilt dies jedoch nur für Kinder und Jugendliche, bei
letzteren ist jedoch auch eine Fortführung der Behandlung
bis ins Erwachsenenalter erlaubt.
Mittel der dritten Wahl:
Ein weiteres Produkt das laut Bundesärztekammer
für die Behandlung eines ADHS für Kinder zugelassen
ist, lautet Pemolin.
Pemolin ist ein Psychostimulans vom Nicht-Amphetamin-Typ.
Es unterliegt nicht der Betäu-bungsmittelgesetz. Die
Zulassung zur Behandlung von ADHS besteht für Kinder
ab 6 Jahren. Der Wirkungseintritt ist innerhalb von 3-4
Behandlungswochen zu erwarten. Pemolin ist potentiell leberschädigend.
Häufig kommt es zum leichten Anstieg der Leberenzyme.
Zwei Publikationen zu tödlichem Leberversagen liegen
vor. Es darf daher nur unter engmaschiger Kontrolle der
Leberfunktionsparameter durch Ärzte für Kinder-
und Jugendpsychiatrie erstverordnet werden, wenn die Behandlung
mit Methylphenidat und Amphetamin erfolglos war. Eine Weiterverordnung
ist nur durch Kinder- und Jugendpsychiater und Kinder- und
Jugendärzte erlaubt. In der Praxis jedoch wird dieses
Medikament aufgrund des Nebenwirkungsprofils nur noch äußerst
selten verschrieben, da der zu erwartende Nutzen mit den
zu erwartenden Nebenwirkungen nicht unbedingt gerechtfertigt
erscheint.
Trizyklische Antidepressiva
haben sich ebenfalls in der Behandlung des ADHS als wirksam
erwiesen. Doppelblind-Studien zeigten gegenüber Placebo
positive Effekte für Imipramin und Desipramin. Wegen
kardiotoxischer Nebenwirkungen ist eine engmaschige Kontrolle
von EKG, Blutdruck und Pulsfrequenz erforderlich. Bei unerwünschten
Wirkungen und v. a. unzureichender Compliance empfiehlt
sich die Bestimmung der Serumspiegel.
Desipramin kann bei ADHS auch komorbide
Tics mindern.
Imipramin kann bei Kindern ab dem Alter von sechs Jahren
verordnet werden.
Clonidin ist eine
alpha-2-noradrenerge Substanz, die präsynaptisch wirkt
und die Noradrenalin-Ausschüttung verringert. Sie kann
zum Einsatz kommen, wenn Stimulanzien und trizyklische Substanzen
sich als unwirksam erwiesen haben oder kontraindiziert sind.
Die Prüfung der Wirksamkeit erfolgt nach 6-wöchiger
Behandlung mit der Enddosierung. Die häufigsten Nebenwirkungen
sind Sedierung, Benommenheit und Depression. Kontraindikationen
beinhalten Herzrhythmusstörungen und Depressionen;
besondere Vorsichtsmaßnahmen sind bei eingeschränkter
Nierenfunktion nötig. Die Medikation sollte wegen der
dann bestehenden Gefahr von Hypertension (Bluthochdruck)
und Tics nicht abrupt beendet werden